Überwaldbahn

 

Geld für umstrittenen Draisinen-Betrieb auf der Überwaldbahn bewilligt

 

Einen Monat nach der Entscheidung des Kreistages des hessischen Landkreises Bergstraße, einen Draisinenbetrieb auf der seit 1983 für den Personenverkehr und 1994 für den Güterverkehr stillgelegten Überwaldbahn von Mörlenbach nach Wald-Michelbach (früher Wahlen) einzurichten, wurde am 17. Januar 2008 vom hessischen Verkehrsminister Alois Rhiel als "Wahlkampfgeschenk" vor Ort ein Bewilligungsbescheid über 2,1 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Insgesamt wird das umstrittene Projekt, das der Tourismusförderung im Odenwald dienen soll, auf 5,1 Millionen Euro veranschlagt.

Heftig kritisiert wird das Vorhaben von der Interessengemeinschaft Pro Schiene Überwaldbahn/Weschnitztalbahn, die sich seit vielen Jahren für eine Reaktivierung der Überwaldbahn einsetzt, allerdings nicht für Draisinen-Betrieb, sondern für richtigen Zugverkehr, um die Region besser an Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen sowie den Rheinebene-Teil des Landkreises Bergstraße anzubinden.

Ihre Kritik fasste die Interessengemeinschaft in einer Pressemitteilung zusammen:

Der jüngste Kreistagsbeschluss „Touristische Nutzung der Überwaldbahn“ ist  voller Unklarheiten. Beispielsweise wird der Draisinenbetrieb als „interkommunales Projekt“ vorgestellt, aber die beteiligten Kommunen werden namentlich nicht genannt. Wohlweislich : Welche Gemeinden zahlen sollen, wurde zwar von der Kreisverwaltung schon ausgeguckt, die Gemeindevertretungen wurden aber bislang noch nicht um Stellungnahme gebeten.

Die Verwaltung schlug vor und die Kreistagsmehrheit beschloss, dass die „beteiligten Kommunen“ zusammen 25 % der Projektkosten und 50 % der jährlichen Folgekosten zahlen. Hält sich der Kreis für weisungsbefugt ? Das Vorgehen des Landrats sei „nach Gutsherrenart“ kommentierte die Mörlenbacher SPD-Fraktion in einer Stellungnahme.

Das abenteuerlichste am ganzen Projekt ist der Kauf der Trasse von der DB durch den Kreis. Eben dieser Kaufbeschluss wird im eigentlichen Beschlussvorschlag nicht erwähnt, läuft anscheinend unter der Formulierung „weitere Schritte“, erschließt sich aber  aus der Kostenaufstellung.:  ( Zum Lesen der klein gedruckten Tabellen empfiehlt sich eine Lupe.) Bei den Projektkosten wird der schlichte Posten „Grunderwerb“ mit 350 000 Euro aufgeführt, mit dem Vermerk „Kaufpreisminderung wird angestrebt und ist ev. noch möglich“.

Ein Kauf der Trasse ist in verschiedener Hinsicht sehr bedenklich. Eine Diskussion darüber, ob z.B. die Sanierung der Viadukte mit vereinten Kräften, vor allem mit stärkerer Unterstützung durch das Land, auch möglich wäre, ohne die Trasse aus dem Netz zu lösen, fand bisher gar nicht statt.

Dass DB Immo eine Strecke verkaufen möchte, ist noch lange kein Grund für den Landkreis, die Strecke zu kaufen.  Andernorts fahren Draisinen problemlos auf DB-Strecken und Strecken werden nicht nur für touristische Nutzung gepachtet. Die Albtal-Verkehrsgesellschaft z.B. hat Strecken von der DB langfristig gepachtet und im großen Stil aufwendig modernisiert – mit Zuschüssen, die es für Schienenpersonennahverkehr gibt.

Auch der Kreis Bergstraße sollte seine ablehnende Haltung gegenüber SPNV auf der Überwaldbahn überdenken.  Welche Zuschüsse es für Regelverkehr gibt, hat den Kreis bisher nie interessiert und wurde nie ausgelotet. Diese Zuschüsse gibt es nur für SPNV, nicht für Museumsbahn allein. Es fragt sich auch, ob andere Zuschussmöglichkeiten ausreichend abgeklopft wurden. Gelder von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz z.B. müssen zwei Jahre im voraus beantragt werden und betragen bis zu einem Drittel der Sanierungskosten von Denkmälern.

Die finanziellen Auswirkungen des Kaufs scheinen die Koalition nicht zu schrecken. Insgesamt sind die Kunstbauten der Überwaldbahn zwar recht gut erhalten, Material und Verarbeitung der Viadukte z.B. sind von hoher Qualität. Im Ernst glaubt aber doch wohl niemand, dass es bei den heute genannten Sanierungskosten bleibt. Auch die Gutachten weisen darauf hin, dass manche Kosten zurzeit noch nicht abgeschätzt werden können, vertiefender Untersuchungen bedürfen oder erst im Laufe der Arbeiten beurteilt werden können.

Außer den finanziellen Problemen bringt der Kauf der Trasse ein noch schwerwiegenderes Problem mit sich : Die Entwidmung als Eisenbahn wird erleichtert. Der Kauf der Trasse ist ein Schritt hin auf die Entwidmung und das bedeutet praktisch, dass die Überwaldbahn nie wieder reaktiviert würde.

Doch auf eben diese Entwidmung warten einigen Grundstücksnutzer in Mörlenbach und Wald-Michelbach geradezu sehnsüchtig.  Mit einer Entwidmung der Überwaldbahn wären voreilige und zweifelhafte Geschäfte mit Bahngrundstücken kein Problem mehr. Die Käufer und die (vielleicht zu tüchtigen) Verkäufer bei DB Immo und mögliche Paten dieser Geschäfte könnten aufatmen. Alles „geheilt“ !

Möglicherweise liegt hier ein Motiv für den Kauf der Trasse und ein Grund für die Planung des Unternehmen „Draisinen auf der Überwaldbahn“. Ist sich der Landrat vielleicht aus diesem Grunde der Zustimmung der Gemeinden so sicher ? Wer muss hier wem „Nibelungentreue“ halten und warum ? Zum Wohle des Überwalds ist das Projekt ganz sicher nicht.

Nähere Informationen zur Interessengemeinschaft Pro Schiene Überwaldbahn/Weschnitztalbahn::

Sven Grahner

Altneudorferstraße 3a

69250 Schönau

Tel./Fax 06228-480

sven.grahner@web.de

Letzte Fahrt auf der Überwaldbahn am 24. September 1983 (Foto: Wolfgang Löckel)

 

Weitere Informationen zur Überwaldbahn:

Web-Seite der IG pro Schiene

Web-Seite zur Überwaldbahn

Wikipedia zur Überwaldbahn

Überwaldbahn e.V.

Tunnelportale der Überwaldbahn

Fotografien der Überwald- und Weschnitztalbahn