Mannheim

"Straßenbahnkrieg" in Mannheim

Seit mehr als 20 Jahren ist sie geplant, nun soll sie endlich verwirklicht werden: die Stadtbahnstrecke im Norden Mannheims in die Gartenstadt. Doch gegen das verkehrlich und ökologisch sinnvolle Schienenprojekt protestieren seit einigen Monaten einige Anwohner lautstark und versuchen, das Vorhaben zu verhindern. PRO BAHN Rhein-Neckar will nun im Rahmen des Mannheimer Umweltforums ein Zeichen setzten und engagiert sich zusammen mit anderen Umweltverbänden unter dem Motto "Ja zur Straba Nord" für den Bau der Schienenstrecke. Bei der erneuten Bürgeranhörung am 12. Juli 2010 zur neuen Strecke im Mannheimer Stadthaus entrollten die Befürworter, zu der neben PRO BAHN Rhein-Neckar auch die anderen, im Umweltforum Mannheim zusammengeschlossenen Verbände* gehören, ein Transparent und verteilten Postkarten mit einer eindeutigen Aussage (siehe Bild oben).

(* Zum Umweltforum Mannheim gehören: Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Deutscher Alpenverein, Fördergemeinschaft regionale Streuobstanbau (FÖG), Greenpeace, Kleintierzucht- und Vogelschutzverein Neueichwald, Lokale Agenda 21 Mannheim-Neckarau e.V., Mykologischer Arbeitskreis Rhein-Neckar e.V. (MAK), PRO BAHN Rhein-Neckar, Die Naturfreunde - Verband für Umweltschutz, Touristik und Kultur, Naturschutzbund Deutschland (NABU), Ökostadt Rhein-Neckar, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) und der Verkehrsclub Deutschland (VC). Nähere Informationen unter www.umweltforum-mannheim.de.)

Als die Pläne für die neue Straßenbahn/Stadtbahn in den nördlichen Mannheimer Stadtteil Gartenstadt Anfang des Jahres 2010 bekannt wurden, formierte sich der Widerstand einiger Anwohner des Stadtteils. Die Form, mit der diese Diskussion geführt wird, erscheint jedoch sehr radikal und wird mit vielen unsachlichen Argumenten und von Seiten der Gegner sehr emotional geführt. „Der Mob tobt!“ So zumindest beschrieb ein Augenzeugen die massiven Proteste einiger Anwohner gegen den geplanten Bau der „Stadtbahn Nord“ in Mannheim bei Demonstrationen und öffentlichen Anhörungen. Seit mehreren Monaten liefern sich die Stadt Mannheim, die Rhein-Neckar Verkehrsgesellschaft (RMV), die die Strecke bauen soll, sowie Befürworter und Gegner der neuen Straßenbahnlinie erbitterte Gefechte. Da werden auch schon mal kleine Kinder vorgeschickt, die bei Informationsveranstaltungen „Wir wollen koine Straßenbahn“ lautstark skandieren.

So soll die Strecke der Straßenbahn/Stadtbahn in die Mannheimer Gartenstadt verlaufen: violett gepunktete Linien. Schwarz durchgezogenen Linien: Das derzeit bestehende Stadtbahn-/Straßenbahn-Netz in Mannheim. Hellgrau: DB-Strecken.

 

Das Gebiet im Mannheimer Norden zwischen den Stadtteilen Waldhof und Käfertal ist ein weißer Fleck auf dem Schienen-Stadtplan der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs. Schon seit mehreren Jahrzehnten ist deshalb einen Schienenstrecke in den Stadtteil Gartenstadt geplant. Zwischenzeitlich war auch mehrere Jahre erwogen worden, einen „Spurbus“ als neues Nahverkehrsmittel zu bauen. Dieses Vorhaben wurde vor allem vom Daimler-Konzern (damals noch Daimler-Benz) gefördert, dessen Mannheimer Werksgelände unweit der geplanten Strecke liegt.

In den letzten drei Jahren wurde von der Stadt Mannheim dann wieder die Schienenlösung forciert, auch, um die Strecke noch mit Geldern aus dem auslaufenden Gemeinde-Verkehrs-Finanzierungsgesetz (GVFG) fördern lassen zu können. So werden die Investitionskosten einschließlich der Planung mit 76,7 Millionen Euro angegeben. Über GVFG werden Fördermittel von Bund und Land in Höhe von 50,9 Millionen Euro erwartet.

Die Komplementärfinanzierung von 25,8 Millionen Euro soll über die städtische MVV Verkehr AG und die MVV GmbH erfolgen, so dass der kommunale Haushalt nicht belastet werden, so die Argumentation der Mannheimer Stadtoberen. Nach den Plänen sollte die Planfeststellung bis Ende 2010 vorbereitet werden, die Planfeststellung war bis Ende 2011 vorgesehen. Gebaut werden sollte dann ab 2012 bis 2015.

Doch daraus wird jetzt möglicherweise nichts. Die Planer hatten offenbar nicht mit dem Widerstand und Protest einiger Anwohner gerechnet, die sich lautstark artikulierten. Sie hatten den entscheidenden Fehler gemacht, frühzeitig auf die Betroffenen zuzugehen. Dies hatte Dieter Ludwig, der frühere Chef des Karlsruher Verkehrsverbundes seinerzeit viel besser gelöst. Nach eigenen Angaben hatte er jeden vom Bau einer neuen Stadtbahntrasse betroffenen Bürger persönlich aufgesucht und versucht, ihn für die Vorteile der Schiene zu gewinnen. Mit Erfolg, wie die zahlreichen, in den letzten 20 Jahren in Karlsruhe und dem Umland neu entstandenen Stadtbahnstrecken zeigen.

Doch soweit reichte der Horizont der Planer in Mannheim bisher nicht. Deshalb wurden sie vom massiven Gegenwind gegen die neuen Straßenbahn völlig überrascht. Erst daraufhin starteten Stadt und Verkehrsbetriebe einen „Bürger-Dialog“, der jedoch bisher nicht so recht in Gang kam. So spaltet sich die Bevölkerung in Mannheims Norden weiterhin in Befürworter und Gegner. Die Bahn-Gegner argumentieren vor allem mit verminderter Lebensqualität, Zunahme der Gefahrenstellen, Verschlechterung der Busanbindung (auch wenn sie selbst den Bus nie benutzen) und dem Wegfall von Parkplätzen (!). Ganz offensichtlich hat hier die Auto-Lobby einen starken Einfluss.

Aber es gibt auch Befürworter der neuen Strecke, die sich aber wegen des teilweise brachialen Vorgehens der Gegner offenbar nur selten zu Wort melden. Einer, der sich traut, ist Johannes Hauber, der Betriebsratsvorsitzende des Mannheimer Bahn-Herstellers Bombardier pro Straßenbahn: „Die Stadtbahn-Nord würde bei uns im Werk 20 Ingenieuren ein Jahr lang einen Arbeitsplatz sicher,“ rechnet er vor. Die Kritiker bemängeln vor allem, dass nur ein 20-Minuten-Takt in den Ästen gefahren werde und es zu Einschränkungen in den bisherigen Busverbindungen geben werde. Johannes Hauber: „Wenn die Züge einmal fahren, werden sie auch von den Bürgern akzeptiert,“ und berichtet auf den Bau der Linie zur Rheingoldhalle. Auch liefen damals die Anwohner Sturm gegen den Bau der B-Linie. „Aber davon redet heute keiner mehr,“ so Hauber. Im Gegenteil, Immobilien entlang der Strecke hätten sogar an Wert gewonnen, ganz im Gegensatz zu den diffusen Ängsten, die jetzt in der Gartenstadt geäußert würden.

Aber noch ist im Mannheimer Norden kein Konsens in Sicht. Die Debatte um die Straßenbahn in die Gartenstadt geht weiter. (wb)

Logo der Straßenbahn-Gegner

 

Homepage der Gegner der Straßenbahn in die Mannheimer Gartenstadt

Informationsseite des Forums Stadtbahn Mannheim Nord

Informationen zum geplanten und gescheiterten Spurbus in die Mannheimer Gartenstadt